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  • 2. Juni 2026

30 Jahre Erfahrung gehen in Rente: Was bleibt im Betrieb?

Lesezeit: ca. 3 Minuten

Erfahrener Zerspaner an der Maschine
Erfahrener Zerspaner

In fast jedem Zerspanungsbetrieb gibt es ihn: den Mann (oder die Frau), den man fragt, wenn nichts mehr geht. Der hört am Klang, dass das Werkzeug stumpf wird. Der für ein kniffliges Material die richtigen Schnittwerte aus dem Ärmel schüttelt. Der weiß, warum die Vorrichtung von 2009 genau so gebaut wurde und nicht anders. Dieses Wissen steht nirgends. Es steckt in einem Kopf und in zwei Händen. Und in ein paar Jahren geht es in Rente.

Der Fachkräftemangel wird meist als Problem der Einstellung diskutiert: Wir finden keinen Nachwuchs. Das stimmt. Aber die teurere Lücke entsteht oft nicht beim Suchen, sondern beim Gehen. Wenn jahrzehntelange Erfahrung den Betrieb verlässt, ohne eine Spur zu hinterlassen, beginnt das Lernen wieder bei null: mit Ausschuss, mit Stillstand, mit Aufträgen, die plötzlich länger dauern als gedacht.

Warum sich das Problem nicht von selbst löst

Erfahrungswissen ist tückisch, weil es weitgehend unbewusst ist. Der erfahrene Zerspaner weiß oft selbst nicht genau, was er alles weiß. Er macht es einfach richtig. Genau das macht die Weitergabe so schwer: Man kann jemanden nicht bitten, mal eben aufzuschreiben, was er nicht als Wissen, sondern als Selbstverständlichkeit empfindet.

Dazu kommt: Im Tagesgeschäft ist nie Zeit. Dokumentation gilt als Bürokratie, nicht als Wertschöpfung. Und manchmal hält der Erfahrene sein Wissen auch bewusst zurück, weil es seine Stellung im Betrieb sichert. All das führt dazu, dass das Thema vertagt wird, bis es zu spät ist: bis der letzte Arbeitstag im Kalender steht und niemand mehr nachfragen kann.

Früh anfangen: Jahre, nicht Wochen

Der wichtigste Hebel kostet nichts außer Vorausschau: rechtzeitig beginnen. Wissensübergabe ist kein Projekt für den letzten Monat, sondern für die letzten Jahre. Wer drei oder vier Jahre vor dem Ruhestand anfängt, kann die Weitergabe in den Alltag einbauen, statt sie in einer Hauruck-Aktion erzwingen zu müssen. Das nimmt den Druck, und es gibt dem Erfahrenen die Würde, sein Wissen geordnet zu übergeben, statt es kurz vor der Tür hinzuwerfen.

Das stille Wissen sichtbar machen

Vieles von dem, was im Kopf steckt, lässt sich festhalten, sobald man es gezielt angeht:

  • Schnittdaten und Werkzeuge: Welche Werte funktionieren bei welchem Material, mit welchem Werkzeug, an welcher Maschine? Das ist der Kern des Erfahrungswissens, und er lässt sich in einer digitalen Werkzeug- und Datenbibliothek festhalten, statt nur im Kopf eines Menschen zu lagern. Wenn diese Daten dort liegen, wo das nächste Programm sie ohnehin abruft, bleiben sie erhalten und werden täglich genutzt.
  • Wiederkehrende Aufträge: Für die Teile, die immer wieder kommen, lohnen sich Rüst- und Prozessbeschreibungen, gern mit Fotos oder einem kurzen Video vom Aufbau. Ein Bild vom gespannten Teil sagt oft mehr als eine Seite Text.
  • Das „Warum“, nicht nur das „Was“: Das Wertvollste ist selten der Handgriff, sondern die Entscheidung dahinter: Warum diese Spannung, warum diese Reihenfolge, warum bei diesem Material langsamer? Wer beim Übergeben nach dem Warum fragt, holt das eigentliche Können heraus.

Der zuverlässigste Weg: Tandem

Kein Dokument ersetzt das gemeinsame Arbeiten. Die wirksamste Form der Übergabe ist das Tandem: der Erfahrene und ein jüngerer Kollege an derselben Maschine, bewusst und über längere Zeit. Nicht „schau mal kurz zu“, sondern eingeplant, mit der klaren Aufgabe, Wissen weiterzugeben. So wandert auch das Unausgesprochene mit: das Gefühl, das Auge, der Riecher für Probleme, bevor sie entstehen.

Tandem-Arbeit an der Maschine
Tandem Wissensübergabe
Abb 1: Die wirksamste Form der Übergabe: Zwei Generationen lernen direkt voneinander an der Maschine.

Den Erfahrenen mitnehmen, nicht ausquetschen

Ob das gelingt, entscheidet sich an der Haltung. Wer Wissensübergabe als Extraktion betreibt, nach dem Motto „gib uns dein Wissen, dann brauchen wir dich nicht mehr“, erntet Mauern. Wer sie als Wertschätzung gestaltet, nach dem Motto „Ihre Erfahrung soll im Betrieb bleiben, das ist Ihr Vermächtnis“, erntet Bereitschaft. Erfahrene Mitarbeiter geben ihr Wissen gern weiter, wenn sie spüren, dass es geschätzt und nicht einfach abgegriffen wird. Es ist dasselbe Prinzip, das auch bei jeder Prozessänderung gilt: Ohne die Menschen geht es nicht.

Wissen sichern ist Betriebssicherung

Der Fachkräftemangel lässt sich nicht über Nacht lösen. Aber der Verlust von Wissen lässt sich verhindern, und das ist dem Teil, den ein Betrieb selbst in der Hand hat. Eine Werkstatt, die ihr Erfahrungswissen festhält, ist nicht nur gegen den nächsten Ruhestand abgesichert. Sie lernt schneller an, macht weniger Ausschuss und ist weniger abhängig von einzelnen Köpfen.

Otto Hetzl

Otto Hetzl

Otto Hetzl ist Gründer und Geschäftsführer von HECAM. Mit über 12 Jahren Erfahrung in der metallverarbeitenden Industrie unterstützt er mittelständische Fertigungsbetriebe auf dem Weg zur digitalen und schlanken Produktion.

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